Freitag, 18. September 2026

Notieren oder sich erinnern

Überall in meinem Haus liegen Zettel, Notizbücher und kleine Tafeln, auf denen ich festhalte, was ich nicht vergessen darf: Einkäufe, eine Kontonummer, irgendein Passwort oder eine anstehende Erledigung. Auf meinem Handy stelle ich Wecker, damit ich nicht vergesse, meine Tabletten zu nehmen, jemanden anzurufen oder zum Zahnarzt zu gehen. Und mein Terminkalender – sowohl der physische, ein schönes Notizbuch, als auch der virtuelle auf diesem allgegenwärtigen Mobiltelefon („der neue Spiegel, den uns die Gringos gebracht haben“, wie mein Freund Grimaldo Rengifo sagt) – ist voll von kleinen Notizen, Geburtstagen, Besprechungen und anderen „nützlichen“ Informationen.
Ich weiß nicht, ob es die beruflichen Anforderungen sind oder meine Angst, etwas zu vergessen, aber ich habe das Gefühl: Wenn ich mir nichts notiere, existiere ich nicht.
Ich sehne mich nach der Ruhe und Unbeschwertheit eines Lebens ohne all diese Notizen zurück. Alfredo erinnerte uns oft mit folgenden Worten daran:
Mama Santos Valdez, *yach’aqmama* – eine weise Mutter – aus der Gemeinde Chilimpampa, pflegte zu mir zu sagen: „Im Spanischen bin ich Analphabetin; doch im Quechua – der alten Muttersprache der Anden – weiß ich mich sehr wohl zu behaupten. Ich muss nicht schreiben lernen, denn wir haben gelernt, uns an das zu erinnern, was wir lernen.“
Rita Mocker

 
                                       

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