Freitag, 18. September 2026

Notieren oder sich erinnern

Überall in meinem Haus liegen Zettel, Notizbücher und kleine Tafeln, auf denen ich festhalte, was ich nicht vergessen darf: Einkäufe, eine Kontonummer, irgendein Passwort oder eine anstehende Erledigung. Auf meinem Handy stelle ich Wecker, damit ich nicht vergesse, meine Tabletten zu nehmen, jemanden anzurufen oder zum Zahnarzt zu gehen. Und mein Terminkalender – sowohl der physische, ein schönes Notizbuch, als auch der virtuelle auf diesem allgegenwärtigen Mobiltelefon („der neue Spiegel, den uns die Gringos gebracht haben“, wie mein Freund Grimaldo Rengifo sagt) – ist voll von kleinen Notizen, Geburtstagen, Besprechungen und anderen „nützlichen“ Informationen.
Ich weiß nicht, ob es die beruflichen Anforderungen sind oder meine Angst, etwas zu vergessen, aber ich habe das Gefühl: Wenn ich mir nichts notiere, existiere ich nicht.
Ich sehne mich nach der Ruhe und Unbeschwertheit eines Lebens ohne all diese Notizen zurück. Alfredo erinnerte uns oft mit folgenden Worten daran:
Mama Santos Valdez, *yach’aqmama* – eine weise Mutter – aus der Gemeinde Chilimpampa, pflegte zu mir zu sagen: „Im Spanischen bin ich Analphabetin; doch im Quechua – der alten Muttersprache der Anden – weiß ich mich sehr wohl zu behaupten. Ich muss nicht schreiben lernen, denn wir haben gelernt, uns an das zu erinnern, was wir lernen.“
Rita Mocker

 
                                       

Erinnerungsarbeit durch mündliche Überlieferung

Ich initiierte ein Projekt, das von der städtischen Kinderbibliothek „Isabel Bunch de Cortés“ ausging und sich der Wiederbelebung von Erinnerungen sowie der mündlichen Erzähltradition im städtischen Seniorenheim „Monseñor Misael Gómez“ in Pacho (Cundinamarca, Kolumbien) widmete.
Für die literarische Gestaltung dieser Begegnung wählte ich unter anderem ein Heft aus, das mir im vergangenen Jahr von Rita Mocker geschenkt worden war: *El Shingo enamorado y otros cuentos* (Der verliebte Shingo und andere Geschichten) von den ländlichen Bibliothekaren aus Cajamarca (Peru), erschienen in der Reihe „Biblioteca Campesina“ (Bauernbibliothek).

 

 Wie bewegend war es, diese Geschichten zu lesen. Die älteren Menschen hörten aufmerksam zu, lachten, und nach und nach begannen die Erzählungen, ihre eigenen Erinnerungen zu wecken:
— Mir ist etwas Ähnliches passiert.
— Wissen Sie, diese Geschichten bringen mich zum Lachen.
— Damals, als ich noch zum Tanzen ging …
Da begriff ich, dass die Lesung ihren Zweck erfüllt hatte: die Tür zur Erinnerung zu öffnen.
Am Ende wollten einige der Anwesenden ihre eigenen Anekdoten und Geschichten teilen. Aus der Lesung entstand ein Gespräch, aus dem Gespräch eine Erinnerung und aus der Erinnerung das gesprochene Wort.
Denn jeder ältere Mensch bewahrt ein Buch in sich, das nicht auf Papier geschrieben steht: seine eigene Lebensgeschichte.
Heute möchte ich dem Netzwerk der ländlichen Bibliotheken von Cajamarca (Red de Bibliotecas Rurales de Cajamarca) für die Zeit, das Engagement und die Liebe danken, mit denen sie so viele bäuerliche Geschichten gesammelt und mit der Welt geteilt haben.
Geschichten, die von den Feldern Cajamarcas bis nach Pacho reisten und – durch das Vorlesen – wieder zu lebendiger Erinnerung wurden.
Bibiana Lucía Moreno

„El tío Lino“ in unseren Klassenzimmern: Bewahrung und mündliche Überlieferung

Von: Polinestor Huamán Tineo
Lehrer und Fachmann für Kommunikation.

In der heutigen Zeit ist unser Leben durch die Schnelllebigkeit der Medien und den digitalen Konsum zersplittert. Demgegenüber erweist sich die Bewahrung des kollektiven Gedächtnisses und der mündlichen Tradition als ein grundlegender Akt des kulturellen Widerstands. Die Herzlichkeit der Figur „Tío Lino“ – vom Dichter Mario Florián literarisch meisterhaft eingefangen und von dem aus Cajamarca stammenden Forscher und Schriftsteller Alfredo Mires Ortiz akribisch wiederentdeckt und analysiert – geht weit über eine bloße Sammlung von Schelmenstücken oder Anekdoten aus dem Volksleben hinaus. Das Werk von Mires Ortiz konfrontiert uns mit einem kommunikativen und anthropologischen Phänomen von tiefgreifender Bedeutung: der Konstruktion der andinen Identität durch Humor, Ironie und das gesprochene Wort.
 1. Identität und schulische Praxis
Über Identität und schulische Praxis zu sprechen, bedeutet, zwei Realitäten gegenüberzustellen, die dringend wieder zueinanderfinden müssen. Einerseits verkörpert die Identität unser lebendiges Gedächtnis, den Volksgeist und die Lebenskraft unserer Kultur – personifiziert in der Gestalt des „Tío Lino“. Andererseits hat sich die schulische Praxis allzu oft in Routine, Wiederholung und importierten Inhalten festgefahren, welche das unmittelbare Umfeld der Schülerinnen und Schüler außer Acht lassen. Das Verständnis dieses Zusammenhangs setzt die Erkenntnis voraus, dass die Schule nicht länger losgelöst von ihrer Gemeinschaft unterrichten darf: Bildung, die auf Identität gründet, ist kein bloßes Beiwerk, sondern das unverzichtbare Fundament für die Heranbildung kritisch denkender und fest verwurzelter Bürgerinnen und Bürger.
 2. Die Annäherung an den Text
Zunächst wurden die Schüler gebeten, sich im Klassenzimmer in einem Kreis aufzustellen. Nachdem ich ihnen von familiären Bräuchen, Geschichten und Erlebnissen erzählt hatte, fragte einer von ihnen: „Lehrer, warum schreiben Sie das nicht in einem kleinen Buch auf?“ Ich antwortete, dass ich bereits daran arbeitete und die Veröffentlichung kurz bevorstehe. Ein anderer Schüler erkundigte sich: „Wie haben Sie die Geschichten, Lieder, Gedichte und Widmungen gelernt?“ Die Antwort entsprang meinen Erinnerungen: „Weil meine Eltern sie mir erzählten, während wir auf dem Feld arbeiteten, beim Hüten der Tiere, auf Reisen oder am Abend, wenn wir zum Abendessen um die Feuerstelle saßen.“
Angesichts der allgemeinen Feststellung, dass die Kommunikation in der Familie heutzutage durch die vereinnahmende Nutzung des Mobiltelefons verdrängt wird, warf ich die Frage auf: „Was sollten wir also tun?“ Die einhellige Antwort lautete, unsere Familienangehörigen zu bitten, uns von Begebenheiten aus der Vergangenheit zu erzählen, über die wir nur wenig wissen.
In diesem Moment zeigte ich ihnen die Werke von „El Tío Lino“ und fragte, ob sie diese bereits gelesen hätten. Da dies nicht der Fall war, berichtete ich von seinem Leben, und wir lasen gemeinsam eine seiner Geschichten: „El relámpago del Tío Lino“. Die Begeisterung war so groß, dass wir beschlossen, die Bücher für den Unterricht anzuschaffen.
 3. Nachgestaltung der Mündlichkeit und des Witzes von „Tío Lino“ im Unterricht
Um uns mit der Lektüre vertraut zu machen, legten wir die Bücher in die Mitte eines großen Kreises. Um aktives Zuhören zu fördern, passives Lesen zu überwinden sowie Humor und Ironie des Autors zu deuten, setzten wir verschiedene Strategien ein: körperliche Bewegung, Atemübungen, gestisches Zeichnen, Soziodrama sowie kreatives Schreiben – mit dem Ziel, die Angst vor dem Sprechen vor Publikum abzubauen und die eigene kulturelle Identität aufzuwerten.
Anschließend wählte jeder Schüler und jede Schülerin frei einen Text aus und wandte dabei die Phasen des Leseverständnisses an (vor, während und nach der Lektüre). Nach einer Phase des stillen Lesens gingen wir zum lauten Vorlesen über, wobei wir die Dynamik des Spiels „Die heiße Kartoffel“ (hier: „Die Kartoffel verbrennt“) nutzten. Nach jedem Beitrag spendete die Gruppe Applaus, und der Vorlesende erläuterte die Gründe für seine Textwahl sowie die Gedanken, die der Text bei ihm ausgelöst hatte.
Als Ergebnis dieser Phase wurde die Aufgabe gestellt, eine Kurzgeschichte unter dem Titel „Schreiben wie Tío Lino“ zu verfassen. Zudem wurde angeregt, durch den Dialog zwischen den Generationen Familienerinnerungen zu bewahren und Sprichwörter, Märchen, Geschichten sowie lokale Anekdoten zu sammeln. Diese sollten schriftlich oder digital aufbereitet werden, um ein gemeinsames Buch mit dem Titel „Wurzeln bewahren – ausgehend von der Schule“ zu erstellen und so an die grundlegende Arbeit von Alfredo Mires anzuknüpfen.
 4. Fazit
Alfredo Mires Ortiz’ Werk über „El Tío Lino“ geht über seine literarische Funktion hinaus und erweist sich als unschätzbares pädagogisches Instrument. Es vermittelt uns eine für die Gegenwart unerlässliche Lektion: die Dringlichkeit, unsere regionalen Erinnerungen angesichts der Vereinheitlichung durch die globalisierte Massenkultur zu bewahren und neu zu würdigen. In einem Umfeld, in dem die Medien Erzählungen standardisieren, erinnert uns der Blick auf Autoren wie Mires Ortiz daran, dass der Reichtum unserer Gesellschaft in ihrer harmonischen Vielfalt liegt – einem reinen Spiegelbild von Klarheit und Freiheit.
 
 
 
 

Literarisches Picknick

Herzlichen Dank an das Netzwerk der ländlichen Bibliotheken von Cajamarca (Red de Bibliotecas Rurales Cajamarca)! Wir sind sehr dankbar für die wertvollen Bücher, die Sie mit unseren Kindern teilen. Kürzlich haben wir ein wunderbares literarisches Picknick genossen, bei dem Schüler, Eltern und Lehrkräfte gemeinsam Momente der Freude, des Lesens und des Lernens erlebt haben. Danke, dass Sie dazu beitragen, bei unseren Kindern die Liebe zum Lesen zu wecken!
Herzliche Grüße, die Schulgemeinschaft der I.E. Nr. 82322 Sarín.
Wir danken Soledad Álvarez von der BRIE in Sarín, Cajabamba, dafür, dass sie dieses schöne Erlebnis mit uns geteilt hat.

 


Freitag, 4. September 2026

Sagen

Zwei Seiten stritten miteinander.
Die beschriebene Seite sagte:
„Ich habe etwas gesagt.“
Die leere Seite:
„Ich habe etwas zu sagen.“
Die Stimme hörte ihnen schweigend zu.
 
Alfredo Mires Ortiz
in: El duende del laberinto
 
 

Alfredo Mires – ein Lehrer, der für immer in Chontas weiterlebt

Im laufenden Schuljahr rief das Bildungsministerium alle Einrichtungen der Grundbildung im Land dazu auf, nicht länger nur unter einer Nummer geführt zu werden, sondern sich einen Namen zu geben.
Im Einklang mit den Bildungsvorschriften beschlossen wir – in einer Versammlung mit den Eltern der Bildungseinrichtung IEI Nr. 1033 in Chontas (Sócota, Cutervo) sowie den örtlichen Behörden –, einen Namen zu wählen: den einer Persönlichkeit, die sich um Bildung und Kultur verdient gemacht hat.

 

Wir hatten verschiedene Namen von Heiligen und anderen Persönlichkeiten vorgeschlagen. Doch als die Lehrerin Marlene Paredes Gil – Leiterin der Vorschule (IEI) von Chontas – vom Leben und Wirken Alfredo Mires Ortiz’ berichtete, entschieden wir uns einstimmig dafür, diesen Pädagogen und Anthropologen zu ehren, der sich so sehr für die bäuerlichen Gemeinschaften von Cajamarca eingesetzt hat.
Nachdem wir die Familie von Herrn Alfredo konsultiert und um Erlaubnis gebeten hatten – und diese uns grünes Licht gab –, reichten wir bei der UGEL (lokale Bildungsbehörde) von Cutervo den Antrag auf Erlass des entsprechenden Beschlusses ein. Nach einigen Tagen des Wartens erhielten wir den Bescheid, mit dem die Namensänderung genehmigt wurde.
Dank dieser Entscheidung lautet der vollständige Name unserer kleinen Schule und unseres Kindergartens seit Juni: IEI Nº 1033 Alfredo Mires Ortíz – Chontas.
Unser Dank gilt auch der Familie Mires Mocker für die Annahme des Vorschlags sowie für all den Einsatz und die Unterstützung, die sie den bäuerlichen Gemeinschaften unseres geliebten Cajamarca zugutekommen lässt.
Herzliche Grüße
Lehrerin Marlene Paredes Gil
 
 

Woher kommen die Ideen?

Zum Slogan der Felicaj (Buchmesse von Cajamarca) 2026...
Zu den vielen Hinterlassenschaften unseres allseits geschätzten und unvergessenen Weggefährten Alfredo Mires gehören die Titel unserer Bücher, die Formulierungen, die unsere Arbeit in den Gemeinschaften beschreiben, sowie Slogans zur Leseförderung – manche davon in Anlehnung an Gedichtzeilen oder bekannte Zitate anderer Autoren, wobei stets auf den Ursprung und die Originalität verwiesen wurde.
Doch so war Alfredo, und so halten wir es im Netzwerk: Wir erkennen das Eigene an und würdigen das Fremde, wenn wir es verwenden dürfen. Leider sind nicht alle so.
Ein Beispiel: Einer von Alfredos zahlreichen Texten trägt den Titel „Die Würde der Völker schreibt sich auch durch Lesen“ (veröffentlicht 2009).
In diesem Jahr sehen wir, dass die Felicaj – vielleicht zufällig oder unbeabsichtigt – diesen schönen Ausdruck aufgegriffen und abgewandelt zu haben scheint: „Die Zukunft schreibt sich durch Lesen“ lautet nun der Werbeslogan. Auch das klingt gut, doch nichts geht über das Original, das die Würde der Völker betont – jene Würde, die unverkäuflich ist; jene Würde, die Erde, Wasser und Gemeinschaft verteidigt.
Es wäre schön, wenn wir in Zukunft nicht nur bei unseren Slogans, sondern auch bei unseren Prinzipien übereinstimmen würden.

 

 

Notieren oder sich erinnern

Überall in meinem Haus liegen Zettel, Notizbücher und kleine Tafeln, auf denen ich festhalte, was ich nicht vergessen darf: Einkäufe, eine K...