Dienstag, 6. Oktober 2026

Die Falten des Gebets

VIII

Herr,
wenn ich morgen sterbe,
schick mich nicht in den Himmel,
denn der Himmel existiert nicht,
und es muss die Hölle sein,
an einem Ort zu wohnen,
den es nicht gibt.
(…)

Alfredo Mires
in: Como acostarse indeciso y despertar a arriesgarse
 
 

Kolumbien erleben

Im August hatte ich die Gelegenheit, nach Kolumbien zu reisen und an verschiedenen Orten von den Erfahrungen des Netzwerks ländlicher Bibliotheken von Cajamarca (Peru) zu berichten. Im Gepäck hatte ich Geschichten, Bilder, Fragen und die Erinnerung an einen langen, gemeinsamen Weg mit den Bauern von Cajamarca.
Auf Einladung unserer Freundin Isabel Henao, die für die Bibliotheken von COMFAMA verantwortlich ist, nahm ich an zwei Workshops teil: einem in Támesis, einer kleinen, wunderschönen Stadt südwestlich von Medellín, und einem weiteren im Rahmen eines Treffens von „Juntanzas“ – einer Initiative, die öffentliche, schulische, kommunale und universitäre Bibliotheken zusammenbringt, um gemeinsam den Zugang zu Lesen, Schreiben und Informationen zu fördern.
Bei beiden Gelegenheiten sprachen wir darüber, was eine Bibliothek bedeutet, wenn sie aus der Gemeinschaft heraus entsteht und gemeinsam mit ihr wächst. Ich sprach voller Herzblut über das Netzwerk – über unser Verständnis von Büchern, Lesen, Kultur und Leben – und vertrat dabei auch die Bauern sowie Juan Medcalf und Alfredo Mires, die Gründer des Netzwerks.

 

Ich besuchte auch die Schule „IE Concejo de Medellín“ in La Floresta, wo ich ein Mädchen kennenlernte, das auf außergewöhnliche Weise liest und schreibt. Dieses Treffen kam dank Gustavo Oquendo zustande, einem Philosophielehrer, der ihr schon Monate zuvor von unserem Netzwerk und einem unserer Symbole – dem „Ñaupa“ – erzählt hatte.
Einige Tage später empfing mich die Lehrerin Gloria Velásquez an der „Institución Educativa Técnico Industrial Simona Duque“ in Marinilla; dort führte ich drei Workshops mit Schülern der Abschlussklassen durch. Neben einer Vorstellung unserer Netzwerkarbeit wandten wir partizipative Methoden der „Bildung des Volkes“ (Educación Popular) an, um gemeinsam darüber nachzudenken und zu erspüren, wer wir sind und was wir hier – in Cajamarca und in unseren Bibliotheken – eigentlich tun.

Noch nie zuvor hatte ich so interessierte und aufmerksame Schüler erlebt. Nach einem der Workshops kam ein Junge auf mich zu und fragte mit sehr ernster Miene:
„Werdet ihr auch in Marinilla eine Landbibliothek eröffnen?“
Diese Frage berührte mich zutiefst. Denn vielleicht ist es genau das, worum es bei einer Erfahrung wie der unseren geht: das über so viele Jahre Gelernte zu teilen und zu entdecken, dass auf der anderen Seite einer Grenze jemand zuhören, sich etwas vorstellen und denken kann, dass unsere Erfahrung auch die seine sein könnte.
Ich kehrte glücklich nach Cajamarca zurück. Doch ein Teil von uns blieb dort drüben zurück. Genau so, wie es sein soll.

 

Rita Mocker
Red de Bibliotecas Rurales de Cajamarca

Lesen mit Schokoladengeschmack

Janely Sugey Triful Centurión, Luz Marina Reto Díaz und Tatiana Yudit Vásquez Tantaleán – Mitglieder des Netzwerks ländlicher Bibliotheken und Studentinnen der Hochschule „Víctor Andrés Belaúnde“ in Jaén – absolvieren derzeit ihr Berufspraktikum an der Schule „Inmaculada Concepción“ in Montegrande, Jaén. Als Lese-Vermittlerinnen sind sie bestens mit den Büchern des Netzwerks vertraut und setzen diese in ihrer Arbeit und ihren Praktika ein.
Heute berichten sie von dem Workshop-Picknick „Lesen mit Schokoladengeschmack“, bei dem das Wissen aus den Büchern der ländlichen Bibliotheken mit den familiären und gemeinschaftlichen Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler verknüpft wird.

 

Die Schülerinnen berichten uns von ihren Eindrücken: „Wir sind der Meinung, dass der Workshop eine Atmosphäre schuf, die sich deutlich vom gewöhnlichen Unterricht abhob, da die Schülerinnen und Schüler entspannter und freier lesen konnten – sei es sitzend oder auf Kissen liegend, sogar ohne Schuhe, während sie sich untereinander austauschten. Zudem schätzten wir es sehr, dass ihnen kein bestimmtes Buch vorgeschrieben wurde, sondern sie die Freiheit hatten, zu stöbern, zu schauen und genau jenen Text auszuwählen, der ihr Interesse am meisten weckte.“

 

Der stellvertretende Schulleiter Marcos Sánchez berichtet seinerseits, dass die Bildungseinrichtung ein umfassendes Leseprojekt nach der STEAM+H-Methodik (Wissenschaft, Technologie, Ingenieurwesen, Kunst, Mathematik + Geisteswissenschaften) umsetzt, um bessere Voraussetzungen für das Lesen, Verstehen und kritische Denken zu schaffen. „Die Herausforderung besteht darin, den Schülern Texte so nahezubringen, dass sie freiwillig und mit Freude lesen, begleitet von Lehrkräften, die als Vermittler fungieren. Denn wenn Lehrkräfte, Schulleitung und Familien nicht gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen lesen, geht uns ein wichtiger Raum für die Verbindung zum Lesen verloren. Wir können keine besseren Ergebnisse beim Leseverständnis erwarten, wenn wir keine besseren physischen und pädagogischen Rahmenbedingungen bieten“, so Lehrer Marcos. „Ein Dank gilt dem Netzwerk der ländlichen Bibliotheken von Cajamarca für die Bereitstellung regionaler Literatur, die das Denken der Landbevölkerung und der einfachen Menschen widerspiegelt; sie ermöglicht es den Schülern, sich in ihrer Kultur und dem Volkswissen wiederzufinden, das sie als Bewohner von Cajamarca auszeichnet.“
Wir begrüßen diese Initiativen und sind stolz darauf sowie auf die pädagogische Führungsarbeit des stellvertretenden Schulleiters. Was für eine wunderbare Leseerfahrung, was für eine schöne Art, Schülern Bücher nahezubringen – ganz ohne Stress, ohne Hausaufgaben und ohne Leistungsdruck. An diese Momente werden sie sich ein Leben lang erinnern!

 

Freitag, 18. September 2026

Notieren oder sich erinnern

Überall in meinem Haus liegen Zettel, Notizbücher und kleine Tafeln, auf denen ich festhalte, was ich nicht vergessen darf: Einkäufe, eine Kontonummer, irgendein Passwort oder eine anstehende Erledigung. Auf meinem Handy stelle ich Wecker, damit ich nicht vergesse, meine Tabletten zu nehmen, jemanden anzurufen oder zum Zahnarzt zu gehen. Und mein Terminkalender – sowohl der physische, ein schönes Notizbuch, als auch der virtuelle auf diesem allgegenwärtigen Mobiltelefon („der neue Spiegel, den uns die Gringos gebracht haben“, wie mein Freund Grimaldo Rengifo sagt) – ist voll von kleinen Notizen, Geburtstagen, Besprechungen und anderen „nützlichen“ Informationen.
Ich weiß nicht, ob es die beruflichen Anforderungen sind oder meine Angst, etwas zu vergessen, aber ich habe das Gefühl: Wenn ich mir nichts notiere, existiere ich nicht.
Ich sehne mich nach der Ruhe und Unbeschwertheit eines Lebens ohne all diese Notizen zurück. Alfredo erinnerte uns oft mit folgenden Worten daran:
Mama Santos Valdez, *yach’aqmama* – eine weise Mutter – aus der Gemeinde Chilimpampa, pflegte zu mir zu sagen: „Im Spanischen bin ich Analphabetin; doch im Quechua – der alten Muttersprache der Anden – weiß ich mich sehr wohl zu behaupten. Ich muss nicht schreiben lernen, denn wir haben gelernt, uns an das zu erinnern, was wir lernen.“
Rita Mocker

 
                                       

Erinnerungsarbeit durch mündliche Überlieferung

Ich initiierte ein Projekt, das von der städtischen Kinderbibliothek „Isabel Bunch de Cortés“ ausging und sich der Wiederbelebung von Erinnerungen sowie der mündlichen Erzähltradition im städtischen Seniorenheim „Monseñor Misael Gómez“ in Pacho (Cundinamarca, Kolumbien) widmete.
Für die literarische Gestaltung dieser Begegnung wählte ich unter anderem ein Heft aus, das mir im vergangenen Jahr von Rita Mocker geschenkt worden war: *El Shingo enamorado y otros cuentos* (Der verliebte Shingo und andere Geschichten) von den ländlichen Bibliothekaren aus Cajamarca (Peru), erschienen in der Reihe „Biblioteca Campesina“ (Bauernbibliothek).

 

 Wie bewegend war es, diese Geschichten zu lesen. Die älteren Menschen hörten aufmerksam zu, lachten, und nach und nach begannen die Erzählungen, ihre eigenen Erinnerungen zu wecken:
— Mir ist etwas Ähnliches passiert.
— Wissen Sie, diese Geschichten bringen mich zum Lachen.
— Damals, als ich noch zum Tanzen ging …
Da begriff ich, dass die Lesung ihren Zweck erfüllt hatte: die Tür zur Erinnerung zu öffnen.
Am Ende wollten einige der Anwesenden ihre eigenen Anekdoten und Geschichten teilen. Aus der Lesung entstand ein Gespräch, aus dem Gespräch eine Erinnerung und aus der Erinnerung das gesprochene Wort.
Denn jeder ältere Mensch bewahrt ein Buch in sich, das nicht auf Papier geschrieben steht: seine eigene Lebensgeschichte.
Heute möchte ich dem Netzwerk der ländlichen Bibliotheken von Cajamarca (Red de Bibliotecas Rurales de Cajamarca) für die Zeit, das Engagement und die Liebe danken, mit denen sie so viele bäuerliche Geschichten gesammelt und mit der Welt geteilt haben.
Geschichten, die von den Feldern Cajamarcas bis nach Pacho reisten und – durch das Vorlesen – wieder zu lebendiger Erinnerung wurden.
Bibiana Lucía Moreno

„El tío Lino“ in unseren Klassenzimmern: Bewahrung und mündliche Überlieferung

Von: Polinestor Huamán Tineo
Lehrer und Fachmann für Kommunikation.

In der heutigen Zeit ist unser Leben durch die Schnelllebigkeit der Medien und den digitalen Konsum zersplittert. Demgegenüber erweist sich die Bewahrung des kollektiven Gedächtnisses und der mündlichen Tradition als ein grundlegender Akt des kulturellen Widerstands. Die Herzlichkeit der Figur „Tío Lino“ – vom Dichter Mario Florián literarisch meisterhaft eingefangen und von dem aus Cajamarca stammenden Forscher und Schriftsteller Alfredo Mires Ortiz akribisch wiederentdeckt und analysiert – geht weit über eine bloße Sammlung von Schelmenstücken oder Anekdoten aus dem Volksleben hinaus. Das Werk von Mires Ortiz konfrontiert uns mit einem kommunikativen und anthropologischen Phänomen von tiefgreifender Bedeutung: der Konstruktion der andinen Identität durch Humor, Ironie und das gesprochene Wort.
 1. Identität und schulische Praxis
Über Identität und schulische Praxis zu sprechen, bedeutet, zwei Realitäten gegenüberzustellen, die dringend wieder zueinanderfinden müssen. Einerseits verkörpert die Identität unser lebendiges Gedächtnis, den Volksgeist und die Lebenskraft unserer Kultur – personifiziert in der Gestalt des „Tío Lino“. Andererseits hat sich die schulische Praxis allzu oft in Routine, Wiederholung und importierten Inhalten festgefahren, welche das unmittelbare Umfeld der Schülerinnen und Schüler außer Acht lassen. Das Verständnis dieses Zusammenhangs setzt die Erkenntnis voraus, dass die Schule nicht länger losgelöst von ihrer Gemeinschaft unterrichten darf: Bildung, die auf Identität gründet, ist kein bloßes Beiwerk, sondern das unverzichtbare Fundament für die Heranbildung kritisch denkender und fest verwurzelter Bürgerinnen und Bürger.
 2. Die Annäherung an den Text
Zunächst wurden die Schüler gebeten, sich im Klassenzimmer in einem Kreis aufzustellen. Nachdem ich ihnen von familiären Bräuchen, Geschichten und Erlebnissen erzählt hatte, fragte einer von ihnen: „Lehrer, warum schreiben Sie das nicht in einem kleinen Buch auf?“ Ich antwortete, dass ich bereits daran arbeitete und die Veröffentlichung kurz bevorstehe. Ein anderer Schüler erkundigte sich: „Wie haben Sie die Geschichten, Lieder, Gedichte und Widmungen gelernt?“ Die Antwort entsprang meinen Erinnerungen: „Weil meine Eltern sie mir erzählten, während wir auf dem Feld arbeiteten, beim Hüten der Tiere, auf Reisen oder am Abend, wenn wir zum Abendessen um die Feuerstelle saßen.“
Angesichts der allgemeinen Feststellung, dass die Kommunikation in der Familie heutzutage durch die vereinnahmende Nutzung des Mobiltelefons verdrängt wird, warf ich die Frage auf: „Was sollten wir also tun?“ Die einhellige Antwort lautete, unsere Familienangehörigen zu bitten, uns von Begebenheiten aus der Vergangenheit zu erzählen, über die wir nur wenig wissen.
In diesem Moment zeigte ich ihnen die Werke von „El Tío Lino“ und fragte, ob sie diese bereits gelesen hätten. Da dies nicht der Fall war, berichtete ich von seinem Leben, und wir lasen gemeinsam eine seiner Geschichten: „El relámpago del Tío Lino“. Die Begeisterung war so groß, dass wir beschlossen, die Bücher für den Unterricht anzuschaffen.
 3. Nachgestaltung der Mündlichkeit und des Witzes von „Tío Lino“ im Unterricht
Um uns mit der Lektüre vertraut zu machen, legten wir die Bücher in die Mitte eines großen Kreises. Um aktives Zuhören zu fördern, passives Lesen zu überwinden sowie Humor und Ironie des Autors zu deuten, setzten wir verschiedene Strategien ein: körperliche Bewegung, Atemübungen, gestisches Zeichnen, Soziodrama sowie kreatives Schreiben – mit dem Ziel, die Angst vor dem Sprechen vor Publikum abzubauen und die eigene kulturelle Identität aufzuwerten.
Anschließend wählte jeder Schüler und jede Schülerin frei einen Text aus und wandte dabei die Phasen des Leseverständnisses an (vor, während und nach der Lektüre). Nach einer Phase des stillen Lesens gingen wir zum lauten Vorlesen über, wobei wir die Dynamik des Spiels „Die heiße Kartoffel“ (hier: „Die Kartoffel verbrennt“) nutzten. Nach jedem Beitrag spendete die Gruppe Applaus, und der Vorlesende erläuterte die Gründe für seine Textwahl sowie die Gedanken, die der Text bei ihm ausgelöst hatte.
Als Ergebnis dieser Phase wurde die Aufgabe gestellt, eine Kurzgeschichte unter dem Titel „Schreiben wie Tío Lino“ zu verfassen. Zudem wurde angeregt, durch den Dialog zwischen den Generationen Familienerinnerungen zu bewahren und Sprichwörter, Märchen, Geschichten sowie lokale Anekdoten zu sammeln. Diese sollten schriftlich oder digital aufbereitet werden, um ein gemeinsames Buch mit dem Titel „Wurzeln bewahren – ausgehend von der Schule“ zu erstellen und so an die grundlegende Arbeit von Alfredo Mires anzuknüpfen.
 4. Fazit
Alfredo Mires Ortiz’ Werk über „El Tío Lino“ geht über seine literarische Funktion hinaus und erweist sich als unschätzbares pädagogisches Instrument. Es vermittelt uns eine für die Gegenwart unerlässliche Lektion: die Dringlichkeit, unsere regionalen Erinnerungen angesichts der Vereinheitlichung durch die globalisierte Massenkultur zu bewahren und neu zu würdigen. In einem Umfeld, in dem die Medien Erzählungen standardisieren, erinnert uns der Blick auf Autoren wie Mires Ortiz daran, dass der Reichtum unserer Gesellschaft in ihrer harmonischen Vielfalt liegt – einem reinen Spiegelbild von Klarheit und Freiheit.
 
 
 
 

Literarisches Picknick

Herzlichen Dank an das Netzwerk der ländlichen Bibliotheken von Cajamarca (Red de Bibliotecas Rurales Cajamarca)! Wir sind sehr dankbar für die wertvollen Bücher, die Sie mit unseren Kindern teilen. Kürzlich haben wir ein wunderbares literarisches Picknick genossen, bei dem Schüler, Eltern und Lehrkräfte gemeinsam Momente der Freude, des Lesens und des Lernens erlebt haben. Danke, dass Sie dazu beitragen, bei unseren Kindern die Liebe zum Lesen zu wecken!
Herzliche Grüße, die Schulgemeinschaft der I.E. Nr. 82322 Sarín.
Wir danken Soledad Álvarez von der BRIE in Sarín, Cajabamba, dafür, dass sie dieses schöne Erlebnis mit uns geteilt hat.

 


Die Falten des Gebets

VIII Herr, wenn ich morgen sterbe, schick mich nicht in den Himmel, denn der Himmel existiert nicht, und es muss die Hölle sein, an einem Or...